Presse

Bayerische Staatszeitung, 16. März 1990

Bauer Kunzels Landart

Der "Garten des heiligen Irrsinns"

von Thomas Senne

Ein Bauer, ein Künstler, ein Magier? Der Kunzel ist alles zusammen. Franz Pröbster heißt er eigentlich, hat sich aber schon seit langem, den überlieferten Namen seines Hofes als Markenzeichen zugelegt. Der Kunzel eben. Für eine Überraschung ist er immer gut; nicht nur, wenn er – wie vor Jahren bei einem Kunsthappening in Regensburg Schweinen – Pornofilme vorführt. Seit kurzem kann sein neuestes Projekt im Freien bewundert werden, in der Nähe seines Oberpfälzer Wohnortes Forchheim bei Freystadt: Der "Garten des heiligen Irrsinns".
Langsam nähern wir uns diesem Garten der besonderen Art, stapfen tapfer durch matschige Erde, die in dicken Klumpen an den Schuhen haften bleibt, und sehen sie dann schließlich auf den Äckern des Kunzel: geheimnisvolle Zeichen, archaische Formen aus übereinandergestapelten Kalksteinen oder zeltartig zusammengebundene Hölzer, Stangen, an denen Sackleinen im Winde flattern – der "Garten des heiligen Irrsinns". Wieso aber dieser ungewöhnliche Titel für diese ungewöhnliche Landart-Ausstellung? Ihm liege nun einmal viel an seinen Objekten, erklärt der 39jährige knapp, sie seien für ihn etwas "Heiliges". Aber der "Irrsinn", so fügt er hinzu, habe eigentlich mit dem Landwirtschaftsamt angefangen.
Und da wird der Kunzel richtig zornig und erzählt, daß er viele seiner Heckenpflanzen auf Anordnung der Behörden wieder herausreißen mußte, weil sie in der durch Flurbereinigung malträtierten Landschaft angeblich Drainage-Rohre gefährdeten. Doch kurzerhand machte er aus seiner Not eine Tugend und legte auf der 33 000 Quadratmeter großen Fläche, die er künftig brach liegen lassen will, eine "Kunsthecke" an. Eine Hecke aus eben jenen skurrilen Skulpturen, die wir gerade bestaunen und die so mysteriöse Namen wie "Schrein der versteinerten Seelen", "Drüdenpfähle" oder "Geisterfallen" tragen.
Zusammengebastelt wurden sie aus objets trouvés, aus alten Säcken, Stäben, Weidenruten, Steinen oder Knochen.
Wind und Wetter zausen an diesen vergänglichen Gebilden, die an alte Wegzeichen oder Feuerplätze, an Urformen menschlichen Zusammenlebens kurz: an vergangene Zeiten erinnern, wo die Natur noch geachtet, ja verehrt wurde. Reminiszenzen an bäuerliche Tradition und Schamanimus, Brauchtum und Aberglauben verbinden sich zu einer Synthese aus Kunst, Naturschutz und Heimatliebe in diesem "Garten des heiligen Irrsinns", der die nächsten Jahre noch erweitert werden soll.
Ob er mit seinen wunderlichen "Geisterfallen", die wie urtümliche Fahnenmasten wirken, schon mal gute Geister eingefangen hat, möchte ich vom Kunzel zum Schluß wissen. Seine Antwort kommt prompt. Mit einem Augenzwinkern verrät er seiner Fangemeinde, die sich um ihn versammelt hat: "Na, ihr seid's doch alle da oder...?"

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